ART THEATER UND LITERATUR AUS BASEL


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KURZE GESCHICHTE

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MELANIE IM LAND DER TRÄUME

Sie war ein chilenisches Mädchen mit Schwielen auf den Ellbogen, da sie anstatt zu lernen, friedlich auf der Schulbank döste. Es war lustig, wie sie im Traum lachte, während die anderen sagten: „Melanie im Land der Träume“. Sie besaß die Magie, in Träumen zu leben, doch ihr fehlte etwas: die Wirklichkeit.

Die Wirklichkeit diente ihr dazu, in die Schule zu fahren, mit dem Bus die Stadt zu durchqueren, die Auslagen anzustarren, um dann zu träumen, was sie alles kaufen würde, um sich wie ihre Lieblingsschau-spielerinnen zu kleiden, oder um großzügig ganze Geschäfte voll an die Armen zu verschenken.

Sie erzählte, wie sie im Kleinbus vor Rührung weinte, wenn sie dies tat. Andererseits war dieser Mangel an Realität ihr Verhängnis. Melanie konnte deswegen nicht studieren, wie ihre verwitwete Mutter es sich immer gewünscht hatte. Eines Tages kam Melanie nicht nach Hause. Im Radio war ihr Verschwinden ein großes Thema, doch alles war vergeblich. Zwei Monate später fand man sie auf dem Cerro San Cristóbal, wie im Schlaf, leblos, an eine Plakatwand geschmiegt, auf der eine Filmpremiere angekündigt wurde.

Auf dem Plakat war der Mond vor einer orange und violett flammenden Morgendämmerung zu sehen. Wie sie starb, konnte keiner sagen, es wurde aber gemunkelt, dass das Mädchen die Wirklichkeit getötet und diese sich dafür an ihr gerächt hätte. Bei ihrem erschütternden Begräbnis, das fast zum Staatsakt wurde, applaudierten und schrieen die Leute hysterisch. Sie verstanden nicht, dass Melanie in diesem Augenblick war, was sie immer sein wollte: eine Schauspielerin. Auf dem Weg zum Friedhof kommentierten jene, die sie gekannt hatten: „Immer hatte sie geträumt, und doch sah sie so real aus, wenn sie den Kleinbus zur Schule bestieg. “Melanie träumte nicht mehr, dass sie Melanie war. Als sie ins Grab gesenkt wurde und ihre Wirklichkeit begrub, streuten ihr die Leute Sand zum Zeichen des Abschieds und so wurde an jenem Nachmittag ihr Grab mit Glanz und Glorie versiegelt, doch in Wahrheit erkannte niemand, dass es die Wirklichkeit war, die das Mädchen Sandkorn für Sandkorn begrub.

DER FÜNFTE KUSS
Von J. Godoy

Es war ihr fünfter Kuss, zugleich ihre fünfte Verwitwung. Anastasias Lippen waren vergiftet. Dennoch trug sie keine Schuldam Tod, noch bestimmte sie die Grenzen der Trauer.

Das ganzeMysterium ihrer Küsse kam vor Gericht. Eine wissen-schaftliches Gutachten ergab, dass ihr Mund tatsächlich ein Gift enthielt.Man untersagte ihr zu küssen, gleichviel ob Frauen oder Männer.Anastasia war von berückender Schönheit und heftiger Jugend.

Wie viele träumten von ihrem Kuss ...Trostloses Leben, vergebliche Schönheit. Sie hätte eine Familiegründen wollen, doch ihre Ehemänner starben am Altar, kaumdass der Priester beide zu Mann und Frau erklärte.Der Zorn Gottes, sagten einige Fanatiker und forderten, Anastasiazu verbrennen, kaum dass sie den Fuß in die Kirche setzte, wie inden grausamsten Zeiten der Inquisition.

Fünf dahingeschiedene Gatten. Eine Herde von Opfern,ahnungslose Wesen auf der Suche nach dem strafenden Kuss.Anastasia ließ sich aber nicht entmutigen. Einen Mann wollte sieund tat ihren Wunsch im Lokalblatt kund.

Tausende undabertausende Männer machten ihre Aufwartung, keiner konnte ihrHerz gewinnen. Es waren Greise ... sterbenskrank und begütert. Eines Nachts im August, dem Monat der Kater und desSensenmanns, erschien ein Dichter in ihrem Haus.

Er behauptete,vergiftete Küsse und Lippen gäbe es gar nicht. Er küssteAnastasia auf den Mund und stürzte zu Boden. Er starb nicht ...nur die ersten fünf Küsse waren tödlich ... der sechste öffnete dieTore der Liebe.Die Hochzeit des Dichters mit Anastasia war wie Hochzeiten sosind.

Man hoffte natürlich, die ersten vergifteten Ehegattenvergessen zu können. Allerdings entstammen der Ehe siebenMädchen mit kussreifen Lippen, die nun auch auf Männersuchesind. Lieber Leser, trägst du dich mit Heiratsabsichten?


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